Der VW-Chef Oliver Blume sieht Europas Automobilindustrie an einem Wendepunkt: Günstige, technisch moderne Elektroautos aus China treffen genau jenes Massengeschäft, von dem Volkswagen, Stellantis und Renault traditionell abhängen. Seine Warnung in Paris ist deshalb keine bloße Branchenrhetorik, sondern eine Beschreibung eines strukturellen Wettbewerbsproblems.

Warum die Warnung ernst zu nehmen ist

Der VW-Chef sprach auf einer Branchenkonferenz am Rande des Pariser Autosalons von „enormem Druck“ auf das europäische Geschäftsmodell. Gemeint ist vor allem die Kombination aus niedrigen Preisen, schneller Elektrifizierung und hohem Entwicklungstempo bei chinesischen Anbietern wie BYD, Xpeng und Li Auto.

Das betrifft nicht nur Volkswagen. VW, Stellantis und Renault stehen zusammen für mehr als 60 Prozent der europäischen Fahrzeugproduktion. Wenn ihre Volumenmodelle unter Preisdruck geraten, entstehen Folgen für Zulieferer, Standorte, Beschäftigung und letztlich für die industrielle Basis ganz Europas.

China wird zum doppelten Problem

Für Volkswagen verschärft sich die Lage auf zwei Ebenen. In Europa wächst die Konkurrenz durch chinesische Marken; auf dem Pariser Autosalon präsentieren sich rund 20 chinesische Automarken, mehr als doppelt so viele wie 2024. Ihr gemeinsamer europäischer Marktanteil lag im zweiten Quartal bereits bei knapp elf Prozent.

Gleichzeitig verliert der Konzern in China selbst an Boden. Im dritten Quartal gingen die weltweiten Auslieferungen um 14,3 Prozent auf rund 1,89 Millionen Fahrzeuge zurück, während der Absatz in China um 38,5 Prozent einbrach. Damit stammte der Großteil des weltweiten Rückgangs aus dem wichtigsten Einzelmarkt des Konzerns.

Der VW-Chef fordert europäische Antworten

Der VW-Chef verlangt deshalb keine reine Verteidigung des Status quo, sondern politische Rahmenbedingungen, die Produktion und Wertschöpfung in Europa stärken. Flexiblere Regeln und gezielte Anreize sollen verhindern, dass europäische Hersteller beim Umbau zur Elektromobilität zusätzlich durch hohe Kosten und regulatorische Anforderungen belastet werden.

Gemeinsam mit Stellantis und Renault setzt sich Volkswagen für „Made in Europe“-Kriterien ein. Solche Regeln könnten Förderungen daran knüpfen, dass Fahrzeuge und zentrale Komponenten tatsächlich in Europa entwickelt und gefertigt werden. Das wäre ein Eingriff in den Wettbewerb – aus Sicht der Hersteller jedoch eine notwendige Reaktion auf stark skalierte chinesische Konkurrenz.

Jobs, Werke und die Grenzen des Sparens

Der Druck zeigt sich bereits im Sparprogramm von Volkswagen. Zehntausende Stellenabbauten sind vorgesehen; Berichten zufolge hatte der Konzern zudem drastischere Szenarien geprüft, darunter den Abbau von bis zu 100.000 Stellen und die Schließung von vier deutschen Werken. Eine finale Entscheidung über diese zusätzlichen Schritte liegt bislang nicht vor.

Für Beschäftigte bedeutet das: Kostensenkung allein löst das strategische Problem nicht. Der VW-Chef muss gleichzeitig günstige Elektroautos entwickeln, Margen schützen, Werke auslasten und im chinesischen Markt gegen lokale Wettbewerber bestehen. Das ist ein Balancieren zwischen kurzfristiger Sanierung und langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.

Neue Modelle als Gegenangriff

Volkswagen reagiert mit einer breiteren Einstiegs-Offensive. Der ID. Polo und der ID. Cross sollen zusammen mit Modellen von Škoda und Cupra den Zugang zur Elektromobilität verbilligen. Auch Stellantis und Renault setzen auf preisgünstige E-Modelle, weil gerade Klein- und Mittelklassewagen der umkämpfteste Bereich sind.

Ob das reicht, hängt weniger von einzelnen Modellvorstellungen ab als von Geschwindigkeit: Wer kann Batterien, Software, Fertigung und Vertrieb so effizient organisieren, dass ein bezahlbares Elektroauto ohne Verluste angeboten werden kann? Genau hier entscheidet sich, ob europäische Hersteller ihre Position halten oder weiter Marktanteile abgeben.

Was jetzt zählt

Die Botschaft des VW-Chef ist klar: Europa kann sich den Wandel nicht nur mit Appellen an Käufer oder mit Schutzmaßnahmen leisten. Es braucht zugleich wettbewerbsfähige Produkte, robuste Lieferketten und eine Industriepolitik, die Innovation nicht behindert, aber lokale Wertschöpfung nicht dem Preiskampf allein überlässt.

Die kommenden Jahre werden zeigen, ob der VW-Chef mit seiner Warnung recht behält. Die Zahlen aus China und der wachsende Auftritt chinesischer Marken in Europa deuten jedenfalls darauf hin, dass der Wettbewerb nicht mehr nur um Absatzzahlen geht – sondern um die Zukunft ganzer Industriestandorte.

Quellen

Der VW-Chef fleht um Schutz vor Chinas Autoflut
100.000 Jobs in Gefahr? VW-Chef warnt vor dramatischer Auto-Krise!

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