Dolomiten – Ein ohrenbetäubender Knall, gefolgt von einer gewaltigen Staubwolke: Am Sonntagnachmittag, dem 4. Oktober 2026, löste sich an der Nordwand der Tofana di Dentro oberhalb von Cortina d’Ampezzo ein massiver Felssturz. Die Gesteinsmassen stürzten ins Val Travenanzes, blieben jedoch auf einem höher gelegenen Felsband liegen und erreichten den Talboden nicht. Glücklicherweise gibt es nach ersten Erkenntnissen der Bergrettung keine Hinweise auf verschüttete oder verletzte Personen.
Unmittelbare Folgen: Wanderwege gesperrt, Einsatz behindert
Die Gemeinde Cortina d’Ampezzo reagierte umgehend und verordnete die Sperrung mehrerer Wanderwege im betroffenen Gebiet, darunter den stark frequentierten Weg Nr. 401 durch das Val Travenanzes sowie Zugänge im Bereich der Cengia Paolina. Wer die Sperre ignoriert, muss mit einer Geldstrafe von bis zu 500 Euro rechnen.
Die Einsatzlage gestaltete sich schwierig: Dichte, anhaltend aufgewirbelte Staubwolken machten eine Annäherung per Hubschrauber oder Drohne zunächst unmöglich. Ein Rettungshubschrauber, der im selben Gebiet gerade eine 52-jährige Wanderin mit Knieverletzung ausgeflogen hatte, konnte das Absturzgebiet nicht direkt überfliegen. Erst nach Einstellung der Suchflüge bestätigte die Bergrettung, dass das Geröll auf einem Geländeband zum Stillstand gekommen war und keine Personen erfasst habe.
Warum die Dolomiten immer instabiler werden
Der Vorfall reiht sich ein in eine Serie von Felsstürzen, die die Dolomiten und weite Teile der Alpen in diesem Sommer und Herbst erschüttert haben. Mitte September war bereits oberhalb von Sulden an der Vorderen Schöntaufspitze eine Mure abgegangen, Ende September kam es an der Zugspitze zu einem größeren Gesteinsabbruch. Experten führen diese Häufung auf eine gemeinsame Ursache zurück: den auftauenden Permafrost.
Permafrost – dauerhaft gefrorener Boden und Gestein – wirkt in großen Höhen wie ein natürlicher „Kleber“, der Felswände zusammenhält. Durch die steigenden Temperaturen im Zuge des Klimawandels taut dieser Permafrost auch in immer höheren Lagen auf. Messungen an der Zugspitze zeigen eine Erwärmung des Permafrosts von minus 1,2 auf minus 0,7 Grad Celsius seit 2007. Fehlt der gefrorene Kitt, verlieren die Felswände ihre Stabilität, und Gesteinsmassen können sich lösen.
„Wenn dieser Kleber aufgrund der Erwärmung auftaut, dann fangen die Berge an zu bröceln, bis sich wieder eine stabile Situation einstellt“, erklärt die Umweltforschungsstation Schneefernerhaus. Die warmen Temperaturen des Sommers 2026 gelten als direkter Auslöser für viele der jüngsten Abbrüche – auch in den Dolomiten.
Was dieser Felssturz für die Zukunft bedeutet
Der Abbruch an der Tofana di Dentro ist mehr als ein isoliertes Ereignis. Er unterstreicht eine langfristige Entwicklung: Die Dolomiten werden in den kommenden Jahren und Jahrzehnten anfälliger für derartige Naturgefahren bleiben, solange die Temperaturen weiter steigen. Experten warnen eindringlich, dass es „in Zukunft noch mehr davon geben“ wird, solange der Permafrost weiter schwindet.
Für Wanderer, Bergsteiger und die Tourismusbranche in der Region hat das konkrete Konsequenzen:
- Wegesperrungen könnten häufiger und länger andauern, wie die aktuelle Sperrung des Weges 401 zeigt.
- Risikogebiete müssen neu bewertet werden; traditionell sichere Routen könnten künftig als gefährdet eingestuft werden.
- Frühwarnsysteme und regelmäßige Überwachungen von Felswänden werden an Bedeutung gewinnen, um Personen rechtzeitig zu warnen.
Die Gemeinde Cortina d’Ampezzo hat angekündigt, die genaue Ausdehnung des Abbruchs weiter zu untersuchen und zu prüfen, ob weitere Nachbrüche drohen. Wie lange die gesperrten Wege geschlossen bleiben, ist derzeit noch unklar.
Fazit: Die Dolomiten im Wandel
Der Felssturz an der Tofana di Dentro ist ein eindrückliches Beispiel dafür, wie der Klimawandel die Hochgebirgslandschaft der Dolomiten verändert. Was vor Jahren noch als stabil galt, wird zunehmend zur Risikozone. Für Besucher der Dolomiten heißt das: Wegesperrungen ernst nehmen, aktuelle Warnungen beachten und sich bewusst sein, dass die Bergwelt der Dolomiten dynamischer und unberechenbarer wird. Die Dolomiten bleiben ein faszinierendes Ziel – doch sie erfordern in Zukunft noch mehr Respekt und Vorbereitung als je zuvor.
Quellen
Felssturz an der Tofana: Bergrettung vermutet keine Verschütteten
Heftiger Felssturz in Südtirol: Rettungshubschrauber muss umkehren


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