Ein Schiff ist vor der bulgarischen Küste nach einem mutmaßlichen Drohnenangriff gesunken, ein zweites Schiff geriet in Brand – und Bulgarien sieht sich nun mit einer sicherheitspolitischen Zäsur konfrontiert. Regierungschef Rumen Radew hat die EU und die Nato um technische Unterstützung gebeten, weil die Ermittlungen zu den Angriffen auf zwei Handelsschiffe bislang keine eindeutigen Spuren liefern.

Der Vorfall zeigt, wie stark der Krieg zwischen Russland und der Ukraine inzwischen bis an die Grenzen der Europäischen Union heranreicht. Die Attacken ereigneten sich in der ausschließlichen Wirtschaftszone Bulgariens, rund 70 Seemeilen östlich von Byala – also in einem Seegebiet, das formal nicht bulgarisches Hoheitsgebiet ist, aber unter bulgarischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Rechten steht.

Ein gesunkenes Schiff und zwölf Vermisste

Das schwer getroffene Schiff war die unter togolesischer Flagge fahrende Alfa Watan. Nach dem Angriff soll es binnen etwa drei Minuten gesunken sein – ein zeitlicher Ablauf, der auf massive strukturelle Schäden hindeutet. Militärexperte Dimitar Nedjalkow schätzte, dass eine Drohne mit einer solchen Wirkung einen Sprengkopf von mehr als 300 Kilogramm getragen haben könnte.

An Bord befanden sich zwölf Besatzungsmitglieder. Sie gelten weiterhin als vermisst; nach Medienberichten wurde die Suche inzwischen eingestellt. Der Fall betrifft damit nicht nur Handelsrouten und Versicherungsrisiken, sondern vor allem Menschen, die auf einem zivilen Schiff im internationalen Seeverkehr arbeiteten.

Zweites Schiff konnte evakuiert werden

Die zweite attackierte Able, ein unter der Flagge Palaus fahrendes Schiff, war mit Getreide auf dem Weg nach Istanbul. Nach dem Einschlag brach Feuer aus, doch alle 18 Crewmitglieder konnten gerettet werden. Das Schiff blieb zunächst schwimmfähig, verließ die bulgarischen Gewässer jedoch später wieder.

Besonders heikel ist die Spurenlage: Bei einer ersten Untersuchung wurden auf der Able offenbar keine Drohnenreste gefunden. Ohne Trümmer, Motorenteile oder eindeutige technische Merkmale wird es für die Ermittler deutlich schwerer, Herkunft, Typ und Abschussort der Waffen zu bestimmen.

Warum Bulgarien jetzt externe Hilfe braucht

Bulgarien hat deshalb in Schreiben an EU-Ratspräsident António Costa, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Nato-Generalsekretär Mark Rutte um Unterstützung gebeten. Gefragt sind unter anderem Satellitenaufnahmen, maritime Überwachung, Radar- und Erkenntnistechnik sowie Expertise bei der Untersuchung eines gesunkenen Schiffs.

Das Land sucht zudem nach einem Unterwasserfahrzeug, um das Wrack der Alfa Watan am Meeresboden zu untersuchen. Ein solcher Einsatz ist technisch anspruchsvoll: Tiefenlage, Strömungen, Sedimente und mögliche Explosionsreste erschweren die Beweissicherung erheblich.

Wer ist verantwortlich?

Die politische Einordnung ist bislang umstritten. Radew erklärte, es sei noch unklar, ob die Drohnen aus Russland oder aus der Ukraine stammten. Die ukrainische Führung hingegen sprach von einem kombinierten russischen Angriff mit See- und Luftdrohnen und warnte, Russland wolle den westlichen Teil des Schwarzen Meeres für die Schifffahrt unbrauchbar machen.

Diese Diskrepanz macht deutlich, warum eine unabhängige, technisch belastbare Untersuchung entscheidend ist. Ohne gesicherte Beweise bleibt jede Zuschreibung politisch aufgeladen – während Reedereien, Versicherer und Crews konkrete Entscheidungen treffen müssen: ob sie ein Schiff weiterhin durch das westliche Schwarze Meer schicken, welche Routen sie meiden und welche Prämien sie künftig kalkulieren.

Was der Angriff für Europa bedeutet

Der Angriff auf ein ziviles Schiff in der Wirtschaftszone eines EU- und Nato-Mitglieds verändert die Risikobewertung für die gesamte Region. Bisher galt die bulgarische Wirtschaftszone zwar als näher am Kriegsgebiet, aber nicht als unmittelbares Zielfeld. Dass Handelsschiffe nun von See- und Luftdrohnen gleichzeitig attackiert werden können, zwingt Häfen, Küstenwachen und Militärs zu einer neuen Lageeinschätzung.

Künftig dürften stärkere Überwachung, verlängerte Sicherheitszonen, Konvoi-Lösungen und engere Abstimmung zwischen Nato-Staaten an Bedeutung gewinnen. Zugleich könnte der Vorfall Frachtraten und Versicherungsprämien für das Schwarze Meer erhöhen – mit Folgen für Getreideexporte, Energietransporte und die Versorgungsketten Südosteuropas.

Für Bulgarien geht es jetzt um mehr als die Aufklärung eines einzelnen Vorfalls: Das Land muss zeigen, dass ein Schiff in seiner Wirtschaftszone nicht ohne Konsequenzen angegriffen werden kann. Zugleich muss Europa verhindern, dass Drohnenangriffe auf Handelsschiffe zur neuen Normalität an der südöstlichen Flanke der Nato werden.

Quellen

Bulgarien ersucht Hilfe von Nato und EU nach Drohnenangriff
Bulgaria Requests Assistance from EU, NATO to Investigate Black Sea Ship Attacks

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